„Düt is’ doh nüscht mea noamal hia!“ , mit diesen lieblich ausgesprochenen Worten machte sich ein Berliner, der der Statur nach auch zweifellos ein Bärliner hätte sein können, seinem Ärger Luft. Die anderen Fahrgäste, ignorierten ihn steinernd. Wie es sich gehört, die Gesichter in Alltags-Grummel-Masken gekleidet, um ihrer eigenen Stimmung Ausdruck zu verleihen.
Ich selbst muss wohl genauso ausgesehen haben, denn ein Trupp von Grundschülern teilte sich in einem respektvollen Abstand vor mir, um sich hinten wieder zusammenzufinden. So muss sich Moses gefühlt haben, als er das rote Meer teilte… Ein Wunder könnte die Deutsche Bahn ohnehin gut gebrauchen, denn bei den organisatorischen Angelegenheiten steckt der Teufel im Detail.
Als vorrausschauender Fahrgast, mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis, ist es möglich dem Chaos ein Schnippchen zu schlagen: man gehe einfach eher los, will man pünktlich sein. So habe ich es auch geschafft die erste Hürde zu nehmen; trotz Umleitungen, Verspätungen und Ausfällen konnte ich pünktlich um 07:23h mit der Ringbahn das Ostkreuz hinter mir lassen. Aber Niemand, auch sie verehrter Leser, hätte mit folgendem rechnen können: „Bombenentschärfung am Heidelberger Platz“, genauer in der Mecklenburgischen Straße.
Man arbeitete bereits seit über dreizehn Stunden an der Evakuierung und natürlich zerbrachen sich Experten schon eine ganze Weile den Kopf über die beste Art, dem Relikt des zweiten Weltkrieges endgültig den Gar aus zu machen. Dummerweise erfuhr die Bahn aber erst an Mittwochmorgen um kurz vor Acht davon, und man beschloss somit spontan, das Gefahrengebiet besser doch nicht zu befahren. (Womöglich hatte ein findiger Rechtsverdreher gerade eben noch recherchiert und herausgefunden, dass die Bahn für eventuelle Personenschäden DOCH haften müsste…)
Jedenfalls hielt die Ringbahn nicht mehr am Heidelberger Platz. Eine barsche Männerstimme wies die Fahrgäste ohne weitere Erläuterungen an, zur nächsten Station auszusteigen und so fand ich mich mit einer Grundschulklasse und dem erbosten Bärenmann an der S-Bahnstation Hohenzollerndamm wieder, nachdem wir meine Umsteigestation einfach durchfahren haben. Man achtete aufs sorgfältigste auf die Durchsagen, um doch noch irgendwie zurück zum Heidelberger Platz zu gelangen. Heutzutage lässt man sich schließlich selbst von einer 500kg schweren Bombe aus dem zweiten Weltkrieg nicht aufhalten, wenn es darum geht, pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen.
Nach etwa zwanzig Minuten änderten sich die Durchsagen von: „Zug nach … verspätet sich um wenige Minuten“ zu “ … fällt leider aus“. Auf den elektrischen Hinweistafeln war nun zu lesen, dass es keinen Schienenverkehr mehr geben würde, zwischen Halensee und Bundesplatz. Ein Blick auf die Karte verriet mir, dass ich mich genau in der beschriebenen Zone aufhielt und ein Blick auf den Bahnhofsvorplatz, dass ich nicht wusste wie ich von dort aus pünktlich zur Arbeit kommen könnte. Auch der freundliche Hinweis einer nun weiblichen Stimme, man solle auf den Personennahverkehr der BVG ausweichen brachte mich da nicht weiter.
Kurzum, nach der Verwendung von drei Buslinien und meinen zwei Füßen schaffte ich es irgendwie doch noch zur Arbeit. Die Verspätung von zwei Stunden erweckte wenig Begeisterung, doch die lapidare Äußerung „bin mit der Bahn hergekommen“ beseitigte alle Missverständnisse und der Tag konnte endlich weiter seinen chaotischen Gang nehmen.
Verfasst von petrasilie
Verfasst von Dr. Seltsam
Verfasst von littlemassai 