Der Terrorist

Orangene Wolken gaben genügend Stadtlicht zurück, um den Zaun und die Industrie-Ruine dahinter in Augenschein zu nehmen.

Tim warf noch einmal einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen; Zuschauer konnte er nicht gebrauchen. Ein Radfahrer, doch der würde ihn in der Dunkelheit kaum wahrnehmen. Dahinter spiegelten sich Silvesterraketen über dem Wasser der Spree. Zu hören war nichts, diese Party lief wohl irgendwo in den äußeren Bezirken. Schnell verbannte er weitere Gedanken daran, denn schon hatte er das Bild von Sandra wieder vor sich, wie sie sich entzückt den Blicken und Händen dieser Schweine hingab. Daran wollte er nie wieder denken. Stattdessen griff er wütend in das Metallgitter des Zauns und kletterte erstaunlich leichtfüßig auf die andere Seite.

Die Mauern wurden schon etwas schwieriger für ihn, aber er hatte sich und seinen Körper gut auf diese Nacht vorbereitet, und so saß er schon nach wenigen Minuten leise hechelnd auf dem Dach. Neben ihm wuchs eine Birke aus dem Gemäuer, an deren Ästen er die Lampe befestigte. Um nicht aufzufallen, hatte er sie mit rotem Papier beklebt, so dass gerade noch genug Licht blieb, um den Inhalt seiner Tasche zu sondieren. Behutsam legte er die einzelnen Bauteile auf einem Tuch aus: Zünder, ein paar Kabel, die selbst zusammengelötete Zeitschaltuhr und zuletzt wickelte er aus diversen Backpapierbahnen den Sprengkörper heraus.

Auch dieser war selbst hergestellt. Drei Jahre Silvester und unscheinbare Chemieseiten im Internet halfen ihm dabei. Zuletzt war die Sprengkraft beachtlich und er konnte von Glück sagen, dass die anderen zu besoffen waren, um seinen Sprengkörper unter all den harmlosen Krachern und D-Böllern wahrzunehmen. Erst die aufgebrochene Straße hatte am nächsten Morgen für Verwunderung gesorgt, doch da wusste schon keiner mehr davon und er selbst gab vor einen starken Kater zu haben. Die Ermittlungen der ohnehin desinteressierten Polizisten wurden schon nach wenigen Minuten eingestellt, während sich der Eigentümer überlegte wie er das seiner Versicherung mitteilen würde. Der Eigentümer war Tims Vater und ein echter Drücker, wie Tim es gerne ausdrückte; Jemand, der überall Geld rausholt, ohne Rücksicht auf jegliche nichtfinanziellen Faktoren.

Wirklich seltsam diese Stadt, die zugleich so übervoll und doch viel zu leer war. Aber die würde er nicht mehr lang ertragen müssen. Sicher, ändern würde er nichts an diesem Wahnsinn, das wäre ein anderes Kaliber.

Ihm ging es um persönlichere Dinge. Er wollte seinen Vater treffen und dessen geldgeile Schlampe, gerade mal zwei Jahre älter als er selbst und seine einzig wahre Liebe; Sandra.

Er wurde so wütend, dass er tatsächlich anfing zu kotzen. Am Dachrand kniend kotzte er auf Alles was er bald hinter sich lassen würde; auf den Vater, der es vor drei Jahren mitten im Wohnzimmer mit seiner ersten Freundin trieb, auf Sie, die nie so schön ausgesehen hatte, während sie schreiend kam, die nackten Brüste hüpfend, die Wangen so rot vor Lust, er kotze auf das protzige Haus das sie fortan zu dritt teilten und den Job seines Vaters, der nie Zeit hatte für die Mutter, die sich schon vor langem umbrachte und er kotze auf diese verfluchte Stadt, in der nur Scheintote lebten, die ihre ausgebrannten Seelen in aufgeputschte Körper zwängten, mit grellen Farben und lauter Musik verdeckt, wie schwarz und stumpf sie innen sind…

Die Galle brannte im Hals, sein Körper zitterte. Tim lag schluchzend am Dachrand und schaute hinauf zu den schmutzig-orangenen Wolken, bis sich diese auseinander schoben und silberne Sterne auf schwarzem Grund freigaben. Es dauerte noch lange, bis er sich endlich wieder gefasst hatte. Sein Kopf dröhnte synchron zum Pulsschlag, als er sich wieder über sein Bündel beugte, mit dem Ärmel den Mund abwischend. Doch schnell kam die eiserne Konzentration zurück, die ihn schon so lang am Leben hielt und die er jetzt brauchte, während er alle Bauteile der Bombe zusammenfügte.

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