Vorsicht! Die Bahn kommt…

Juli 19, 2008

„Düt is’ doh nüscht mea noamal hia!“ , mit diesen lieblich ausgesprochenen Worten machte sich ein Berliner, der der Statur nach auch zweifellos ein Bärliner hätte sein können, seinem Ärger Luft. Die anderen Fahrgäste, ignorierten ihn steinernd. Wie es sich gehört, die Gesichter in Alltags-Grummel-Masken gekleidet, um ihrer eigenen Stimmung Ausdruck zu verleihen.

Ich selbst muss wohl genauso ausgesehen  haben, denn ein Trupp von Grundschülern teilte sich in einem respektvollen Abstand vor mir, um sich hinten wieder zusammenzufinden.  So muss sich Moses gefühlt haben, als er das rote Meer teilte…  Ein Wunder könnte die Deutsche Bahn ohnehin gut gebrauchen, denn bei den organisatorischen Angelegenheiten steckt der Teufel im Detail.

Als vorrausschauender Fahrgast, mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis, ist es möglich dem Chaos ein Schnippchen zu schlagen: man gehe einfach eher los, will man pünktlich sein.  So habe ich es auch geschafft die erste Hürde zu nehmen; trotz Umleitungen, Verspätungen und Ausfällen konnte ich pünktlich um 07:23h mit der Ringbahn das Ostkreuz hinter mir lassen.  Aber Niemand, auch sie verehrter Leser, hätte mit folgendem rechnen können: „Bombenentschärfung am Heidelberger Platz“, genauer in der Mecklenburgischen Straße.

Man arbeitete bereits seit über dreizehn Stunden an der Evakuierung und natürlich zerbrachen sich Experten schon eine ganze Weile den Kopf über die beste Art, dem Relikt des zweiten Weltkrieges endgültig den Gar aus zu machen. Dummerweise erfuhr die Bahn aber erst an Mittwochmorgen um kurz vor Acht davon, und man beschloss somit spontan, das Gefahrengebiet besser doch nicht zu befahren. (Womöglich hatte ein findiger Rechtsverdreher gerade eben noch recherchiert und herausgefunden, dass die Bahn für eventuelle Personenschäden DOCH haften müsste…)

Jedenfalls hielt die Ringbahn nicht mehr am Heidelberger Platz. Eine barsche Männerstimme wies die Fahrgäste ohne weitere Erläuterungen an, zur nächsten Station auszusteigen und so fand ich mich mit einer Grundschulklasse und dem erbosten Bärenmann an der S-Bahnstation Hohenzollerndamm wieder, nachdem wir meine Umsteigestation einfach durchfahren haben. Man achtete aufs sorgfältigste auf die Durchsagen, um doch noch irgendwie zurück zum Heidelberger Platz zu gelangen. Heutzutage lässt man sich schließlich selbst von einer 500kg schweren Bombe aus dem zweiten Weltkrieg nicht aufhalten, wenn es darum geht, pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen.

Nach etwa zwanzig Minuten änderten sich die Durchsagen von: „Zug nach … verspätet sich um wenige Minuten“ zu “ … fällt leider aus“. Auf den elektrischen Hinweistafeln war nun zu lesen, dass es keinen Schienenverkehr mehr geben würde, zwischen Halensee und Bundesplatz. Ein Blick auf die Karte verriet mir, dass ich mich genau in der beschriebenen Zone aufhielt und ein Blick auf den Bahnhofsvorplatz, dass ich nicht wusste wie ich von dort aus pünktlich zur Arbeit kommen könnte. Auch der freundliche Hinweis einer nun weiblichen Stimme, man solle auf den Personennahverkehr der BVG ausweichen brachte mich da nicht weiter.

Kurzum, nach der Verwendung von drei Buslinien und meinen zwei Füßen schaffte ich es irgendwie doch noch zur Arbeit. Die Verspätung von zwei Stunden erweckte wenig Begeisterung, doch die lapidare Äußerung „bin mit der Bahn hergekommen“ beseitigte alle Missverständnisse und der Tag konnte endlich weiter seinen chaotischen Gang nehmen.


Eng, muffig, quietschend oder auch Straßenbahnfahren

Juli 14, 2008

Wer im Ostteil des schönen Berlins wohnt, kennt sie sicherlich. Knallgelb, klingelnd gehört sie zu den Top-Feinden des ambitionierten Radfahrers. Die Rede ist von der Straßenbahn. Am Alex schön anzusehen aber auch schnell übersehen.

Im Wohnbatterieteil der Stadt kommt sie meistens im formschönen Kiesgleisbett daher. Es gibt Sie in Hoch und Niederflurausführungen, ein und zweiseitig betürt.

Im Wesentlichen geht es mir um die Menschen die sich in ihr fortbewegen. Kleine Menschen, große Menschen, dünne, dicke, hübsche, aber auch weniger hübsche. Die Beobachtung jener lässt einen gelegentlich schmunzeln, nachdenklich werden oder verzweifelt über die Verkommenheit der heutigen Gesellschaft mit sich selbst philosophieren.

Besonders in letzter Zeit musste ich mich öfters in jenes Gleisfahrzeug zwängen. Da sieht man Pärchen die heimlich, still und leise ihre Flachmänner tauschen und verschämt beim Schlückchen nehmen unauffällig aus dem Fenster schauen. Junge Kids die mit Rollern durch den Zug rollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass schreiende Kleinkinder auftauchen, steigt exponentiell mit der Stärke von hartnäckigen Kopfschmerzen und großen, ausgewachsenen, männlichen Katzen, die sich in meinem Körper tummeln. Nicht zu vergessen sind auch jene Zeitgenossen, die meinen, man müsste sich unbedingt ihre Musik anhören. Man sieht zwar einen sozialen Ansatz, der aber in 99% aller Fälle schlecht realisiert ist. Bekommt man doch zum größten Teil pampig pöbelige Antworten sobald man beginnt, die gespielten Stücke und die Präsentation jener, berechtigt zu kritisieren.

Aber es gibt auch schöne Momente. Das mitlesen in fremden Zeitungen fällt durch die Zwangsenge doch recht leicht. Und manchmal, kann man ja fragen, ob sie nicht eben mal zurückblättern können. Sollte die gefragte Person dann auch noch einen guten Tag haben, bekommt man vielleicht einen Teil von dem Lesewerk ab. Schließlich sitzt man ja im selben Boot und sollte Solidarität praktisch demonstrieren. Bei nächster Gelegenheit werde ich mal versuchen, eine Diskussion über einen Artikel anzustimmen. Mit Büchern in der Untergrundbahn lief das bis jetzt immer ganz gut.

Ich jedenfalls fahr eh lieber U-Bahn.